Pop - Heute müssen wir noch bis Albuquerque kommen - Kultur

Pop – Heute müssen wir noch bis Albuquerque kommen – Kultur

Lisseur

Der Kofferraum eines zehn Jahre alten Minivans kann problemlos zur Pop-Bühne werden. Chapeau Jessy Lanza das gerade bewiesen. Die kanadische Sängerin und Produzentin, die seit ihrem Debüt-Album « Pull My Hair Back » (2013) für eine raffinierte Kombination von Pop-Songwriting und Club-Sounds bekannt ist, sitzt im Schneidersitz tof der Ladefläche in silbernen Toyota Sienna und Lässt von die Heckklappe hochschwingen: Vorhang auf! Um sich hat sie ein paar elektronische Musikgeräte gruppiert: Mini-Mischpult, zwei DJ-Player, ein Mikro. Um ihren Hals hängt ein Kopfhörer, neben ihr steht ein Glas Ingwertee. Los geht!

Zuerst chante Lanza in dem Video, das in einer Einfahrt irgendwo in San Francisco gedreht wurde und unter dem Titel « Jessy Lanza Streaming From Isolation » im Youtube-Kanal der Musik-Plattform Boiler Room zu sehen ist, ein paar Songs von « All The Time « , ihrem gerade erschienenen neuen Album. Ihre Stimme moduliert sie raffiniert mit Effekten, mal haucht sie wie die junge Janet Jackson, mal klingt sie wie eine kichernde Micky Maus. Danach fädelt Lanza rasende Dancefloor-Tracks à Chicago im stolpernden Juke-Stil ein. Sie wippt zu ihrer Mischung aus Kofferraum-Konzert und DJ-Set, genießt den Sound mit geschlossenen Augen. Zwischendurch schaut sie auch in die Kamera, mit einem Blick, der sagt: Ich wünschte, du wärst jetzt hier, aber eigentlich bin ich auch ganz gern allein mit meinem Tee. Zwei Party-LEDs zaubern ein bisschen Disko-Feeling in den Van.

Mit den Fans feierte sie das Album par Instagram et WLAN avec einer Chat-Party dans ihrem Toyota

Zum großen Pop-Moment wird dieses Video, mit dem Lanza ihr Album bewirbt, weil sie den Eindruck der Improvisiertheit mit perfekter Lichtgestaltung kontert. Sie hat den Sonnenuntergang von San Francisco abgepasst. Als sie anfängt zu singen, ist es noch hell, als sie 42 Minuten später die Heckklappe wieder runterzieht, ist es Nacht, und durch den bonbonfarben blitzenden Kunstnebel im Wagen pulst der Bass wie in einem echten Klub.

Der Toyota spielt auf « All The Time » eine wichtige Rolle, man könnte sagen, dass es schon lange kein Pop-Album mehr gab, das so sehr im Auto spielt. Auch auf dem Cover ist der Wagen zu sehen: Lanza, wie sie im Fahrersitz die Füße hochlegt und ihr Gesicht in die Abendsonne hält, irgendwo auf einem Mall-Parkplatz in den USA. Das Foto vermittelt amerikanische On-the-Road-Romantik, steht aber im Kontrast zu den enthaltenen Chansons, die zwar romantisch sind, aber flott, aufgedreht, zuckersüß klingen. Man könnte sie als elektronische Super-R & B-Ohrwürmer bezeichnen. Man möchte dazu seilspringen, Softeis essen, Verrenkungen vor dem Außenspiegel machen, solche lustigen, schönen Sachen.

Mit diesem Auto sei sie vor einigen Wochen, als die Corona-Pandemie ihren ersten Höhepunkt erreichte, von New York nach San Francisco umgezogen, erzählte Lanza in einem Interview mit Grammy.com, dem Online-Magazin der Grammy-Akademie. Sie, die gefeierte Künstlerin des britischen Labels « Hyperdub », war drei Jahre zuvor erst nach New York gezogen, wo sie von ihrem Vermieter nun aus ihrer Wohnung geworfen wurde, mit in der Pandemie. Es war für sie unmöglich, eine neue Bleibe zu finden à New York. Obdachlos, aber immerhin mit Auto.

Das sagt einiges über die ökonomischen Realitäten im Pop-Segment unterhalb der Chartmusik aus, wo Künstlerinnen und Künstler Lieblinge der Kritik sein mögen und einen ausgebuchten Konzert- und Tour-Kalender haben, sich davon aber Eistenicht automatisisch. Lanza, die in Hamilton am Ontariosee geboren wurde, genau zwischen Toronto und den Niagarafällen, produziert perfekte Pop-Songs, nur nicht solche, bei denen sich jeder Sound dem kommerziellen Diktat der Eingängigkeit unterordnet. Bei ihr bleibt für jeden Sound genug Raum, um tief in die dazugehörigen Schaltkreise und Plug-ins hineinzuhorchen. Der britische Guardian schrieb, das neue Album sei « Voller Tracks, die genau die richtige Balance halten zwischen Experiment und einer Liebe zum unkomplizierten Pop-Lied; zwischen Nostalgie für Vergangenes und dem Wunsch, wie die Zukunft zu klingen ».

Man könnte ergänzen: Lanza klingt auf ihrem Album, als wechsle sie zwischen den Modi Single-Version und Dub-Version. In ihren Songs, die sie zusammen mit Jeremy Greenspan von dem kanadischen Pop-Duo Junior Boys schreibt, verlagern sich kontinuierlich die Prioritäten: Mal klingt alles super-direkt, mal darf das Arrangement über weite Schleifen laufen. Das Perfekte daran ist, dass die fertigen Stücke dennoch auf den Punkt kommen, sprich: Sie klingen nie, als seien sie jeweils nur eine von vielen möglichen Alternativen.

Da ist etwa « Lick In Heaven ». Der Song ist mit seiner furztrockenen Kickdrum und den perlenden Synthie-Melodien so etwas wie die Vertonung eines Wutanfalls. « Une fois que je tourne, je ne peux pas m’arrêter de tourner », chante Lanza – wenn ich einmal anfange durchzudrehen, kann ich nicht mehr aufhören. Die Sound-Ästhetik von Jimmy Jam et Terry Lewis est aussi Vorbild herauszuhören. Die Meister des analogen Maschinen-Funk aus Minneapolis produzierten in den Achtzigerjahren neben Janet-Jackson-Hits wie « Attendons un moment » auch die Human-League-Ballade « Human ». Im Titelsong spielt Lanza auf diese Ära der groovy-blubbernden Drum-Computer und der flauschigen Orgel-Teppiche an. Im Song singt sie: « Je te veux seulement près de moi (…) pendant que je vis dans une bulle » – Ich va dich in meiner Nähe, aber ich lebe in einer Blase. Wüsste man nicht, dass der Song bereits im vergangenen Jahr entstanden ist, vor Corona, vor den Abstandsregeln und vor der Renaissance des Pkw als mobiler Schutzzelle (Stichwort: «Carantäne»), könnte man fast denken, Lanza habe das Stück auf die neu hin getextet.

In ihrem Grammy-Interview sagte sie auch, dass sie seit der Pandemie fast nur unterwegs gewesen sei, aber ganz anders als geplant: Eigentlich sollte sie in diesem Frühjahr und Sommer mit « All The Time » durch Europa touren. Der Umzug quer durch die USA, von der Ost- an die Westküste, wo sie Familie hat, war im wahrsten Sinne gute Ablenkung: « Da ging es täglich nur um erreichbare Ziele wie: Okay, heute müssen wir noch bis Albuquerque kommen. Outer: Wir brauchen einen Ölwechsel. Da hatte ich nicht viel Zeit, über die Situation zu grübeln.  » Sie schätze sich glücklich, einen Minivan zu haben, in den all ihre Sachen reinpassen, und mit ihm mobil zu sein, sagte sie.

Die Frage, wie sie die Veröffentlichung ihres Albums gefeiert hat, beantwortet sich da wohl von allein: Lanza lud ihre Fans per Instagram und Wlan zu einer Chat-Party in ihren Toyota ein.

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